Kann ein Fußballjahr zugleich schmerzen, begeistern und zusammenschweißen?
Ein Jahr beginnt im Umbruch – ein Weg mit neuer Ordnung
Das Jahr 2024 endete für die TSG Oberbrechen mit einer personellen Veränderung auf der Trainerbank. In der Winterpause verließ Dennis Rohmann den Verein, nachdem bereits feststand, dass sich die Wege im Sommer trennen würden.
Statt lange auf Vergangenes zu blicken, richtete sich der Fokus schnell nach vorne. Das verbliebene Trainerteam um Antoine Grund, Michael Stricker und Sascha Lanzel übernahm geschlossen die Verantwortung und führte die Mannschaft durch die Monate bis zum Sommer. Die Rollen waren klar verteilt, die Abläufe funktionierten – und vor allem herrschte Gewissheit darüber, den eingeschlagenen Weg gemeinsam fortzusetzen.
Parallel dazu arbeitete der Verein frühzeitig an der Zukunft. Mit Viktor Iterman konnte ein im Fußballkreis Limburg-Weilburg weit über die Grenzen hinaus geschätzter Sportsmann als neuer Cheftrainer gewonnen werden, der ab Sommer 2025 das Zepter übernehmen sollte. Zu diesem Zeitpunkt noch beim TuS Dietkirchen II in der Gruppenliga tätig, stand fest: Die Richtung stimmt. Doch bis zum offiziellen Neustart lag noch ein halbes Jahr vor Mannschaft und Trainerteam – eine Phase, in der es darum ging, Ordnung zu schaffen, Stabilität zu finden und als Einheit weiter zu wachsen.
Sportlich blickte man zu diesem Zeitpunkt auf eine Hinrunde zurück, die man ohne Übertreibung als Berg- und Talfahrt bezeichnen konnte. Nach 20 absolvierten Spielen standen 34 Punkte, Tabellenplatz sechs, 55 erzielte und 44 kassierte Tore zu Buche. Zahlen, die solide wirkten – und doch nicht das widerspiegelten, was viele innerhalb der Mannschaft fühlten. Denn das Gefühl, dass noch mehr möglich war, begleitete das Team schon länger. Das Potenzial war vorhanden, der nächste Schritt auf diesem Weg jedoch noch nicht gegangen.
Fehlstart, Rückschläge und eine schmerzhafte Standortbestimmung
Die Vorbereitung auf die Restrunde verlief holprig, die Ergebnisse ließen kaum Zuversicht aufkommen – und der Pflichtspielauftakt am 23. Februar 2025 bestätigte diese Sorgen auf bittere Weise. Gegen die SG Heringen/Mensfelden setzte es eine 1:3-Heimniederlage, bei der ausgerechnet Adrian Schmidt, im Winter zur SG gewechselt und bis dahin bester Torschütze der TSG, mit einem Doppelpack zuschlug.
Eine Woche später folgte das Brecher Derby beim FCA Niederbrechen – ein Spiel, das alles hatte und doch niemanden zufriedenstellte. Die TSG führte bis wenige Minuten vor Schluss mit 3:2, hatte den Sieg vor Augen, ehe ein Last-Minute-Treffer dem FCA doch noch den Ausgleich bescherte. Wieder blieb das Gefühl, auf diesem Weg nicht entscheidend voranzukommen.
Doch es sollte noch härter kommen. Im Heimspiel gegen den SV Elz unterlag man mit 4:5. Und dann führte die Reise ins Kallenbachtal zur SG Niedershausen/Obershausen – ein Ort, der der TSG schon seit Jahren kein gutes Pflaster ist. Punkte aus Niedershausen sind so selten wie eine pünktliche Bahn wenn es drauf ankommt. Doch was sich an diesem kalten Tag abspielte, war mehr als eine Niederlage. Es war eine Demontage.
Vor den Augen von Viktor Iterman, der seine zukünftige Mannschaft aufmerksam beobachtete, spielte die SG mit der TSG Katz und Maus und gewann hochverdient mit 5:0. Spätestens jetzt stand man an einem Scheideweg dieser Reise. Fragen drängten sich auf: Wann gelingt der erste Sieg im Jahr 2025? Wie stabil ist diese Mannschaft wirklich? Und wohin führt dieser Weg, wenn es so weitergeht?
Der Wendepunkt – wenn eine Mannschaft beginnt zu wachsen
Nach einem spielfreien Wochenende und zwei intensiven Trainingswochen folgte die Antwort dort, wo sie immer folgen muss: auf dem Platz. Beim RSV Würges zeigte die Mannschaft ein völlig anderes Gesicht. Nicolas Gebhardt, Tobias Kremer und Hamudi al Mohammad trafen offensiv, hinten hielt Tristan Wagner seinen Kasten sauber. Der erste Sieg des Jahres war da – und mit ihm die Erkenntnis: Diese Mannschaft hatte es nicht verlernt.
Ein weiterer Erfolg gegen den TuS Waldernbach folgte, ehe es zum Derby beim RSV Weyer kam. Bei bestem Wetter war der Sportplatz prall gefüllt, die Kulisse elektrisierend – und das Spiel hielt, was es versprach. In einem offenen Schlagabtausch erzielte Pascal Schmitt in der 70. Minute mit einem Traumtor den 3:2-Siegtreffer gegen Cousin Jannis Schmitt, der das Tor des RSV hütete. Ein Moment, in dem nicht nur ein Derby entschieden wurde, sondern neues Selbstvertrauen wuchs.
Von diesem Augenblick an veränderte sich etwas spürbar. Die TSG fand ihren Rhythmus, wuchs als Einheit zusammen und startete einen beeindruckenden Endspurt. Zweifel verblassten, der Glaube kehrte zurück. In den letzten acht Saisonspielen holte man unglaubliche 22 von 24 möglichen Punkten, schrammte am Ende nur drei Zähler am Aufstiegsrelegationsplatz vorbei und sah Pascal Schmitt beim 4:2 Erfolg gegen den späteren Aufsteiger SC Offheim sogar zu einer erfolgreichen Grätsche ansetzen. Diese Punkteausbeute war ein Ergebnis, das wenige Wochen zuvor undenkbar gewesen wäre – und ein weiterer Beweis dafür, welches Potenzial in dieser Mannschaft steckt, wenn sie gemeinsam geht.
Neuer Cheftrainer, neue Energie – Wachstum auf bestehendem Fundament
Der Saisonabschluss wurde ausgelassen in Düsseldorf gefeiert, ehe Viktor Iterman im Juni 2025 offiziell sein Amt als Cheftrainer antrat. Er übernahm eine Mannschaft, die sich unter dem vorherigen Trainerteam zum Saisonende hin ein stabiles Fundament erarbeitet hatte – und baute genau darauf auf.
Binnen kürzester Zeit fand Iterman Zugang zur Mannschaft und zum Vereinsumfeld. Die TSG gewann weiter an Struktur, insbesondere in der Defensive, die spürbar stabiler wurde. Gleichzeitig entwickelte sich das Spiel der Mannschaft weiter, individuell wie kollektiv. Auch im Trainerteam, bestehend aus Antoine Grund, Simon Leimpek und Torwarttrainer Sascha Lanzel, fügte er sich nahtlos ein, fand Freunde in diesen – ein weiterer Schritt auf dem gemeinsamen Weg des Wachsens.
Die Vorbereitung verlief hervorragend. Die Trainingsintensität stimmte, die Ergebnisse machten Mut und eine spürbare Aufbruchsstimmung lag in der Luft. Mit einem souveränen 4:0-Erfolg im Kreispokal startete man in die Pflichtspiele – und setzte in der Liga direkt ein Ausrufezeichen.
Zum Saisonauftakt schickte man die SG Nord mit einem 6:0 nach Hause, gewann anschließend auswärts bei der Union Dauborn/Kirberg/Neesbach/Ohren und empfing dann zum Kirmesspiel die hochgehandelte SG Oberlahn. Vor über 250 Zuschauern zeigte die TSG einen Auftritt für die Geschichtsbücher. Fabian Zukowski brachte die TSG früh in Führung, Cedric Unger und Hamudi al Mohammad stellten zur Pause auf 3:1, während Tristan Wagner im Tor über sich hinauswuchs. Am Ende stand ein 3:2-Erfolg – bis heute die einzige Niederlage der SG Oberlahn in der Saison 2025/26. Der Jubel kannte keine Grenzen, das anschließende Kirmeswochenende wurde zum Sinnbild dieser neuen Energie, es wurde zu einem Rausch.
Nach einem weiteren Sieg gegen den VfR 07 Limburg II folgte zwar eine Niederlage gegen den amtierenden Meister Villmar/Arfurt/Aumenau, doch auch diese Etappe gehörte zur Reise. Die Mannschaft ließ sich nicht aus der Bahn werfen, holte aus den folgenden sieben Spielen 19 von 21 möglichen Punkten und lieferte sich mit der SG Oberlahn ein packendes Kopf-an-Kopf-Rennen um die Tabellenspitze. Insbesondere der Derbysieg gegen den FCA im Vorlauf der Niederbrecher Kirmes sorgte für Furore und Euphorie zugleich, denn zum zweiten Mal binnen weniger Jahre ergab sich die Möglichkeit im Derbysieger-Shirt mit einem Augenzwinkern auf der Kirmes im Nachbarort aufzulaufen.
Rückschläge, Moral und ein Zusammenwachsen, das bleibt
Der Herbst brachte erneut Herausforderungen. Verletzungen, berufliche Ausfälle und eine hohe Fluktuation verhinderten ein eingespieltes Team. Nach Remis in Niedershausen und gegen Selters/Erbach folgte eine deutliche Niederlage beim TuS Dietkirchen II, bei der Kapitän Tobias Kremer mangels Alternativen sogar im Tor stand.
Doch ausgerechnet im letzten Spiel des Jahres, beim Ligaprimus SG Oberlahn zeigte die Mannschaft noch einmal ihr wahres Gesicht. Über 90 Minuten bot die TSG Einsatz, Leidenschaft und Teamgeist, drehte das Spiel durch Tore von Cedric Unger und Tobias Kremer und musste erst kurz vor Schluss den bitteren Ausgleich per Traumtor hinnehmen. Es war kein Sieg – und doch fühlte es sich wie einer an. Weil man spürte, wie sehr diese Mannschaft zusammengewachsen war.
Nach 17 Spielen steht die TSG mit 35 Punkten auf Rang vier, erzielte 52 Tore und stellt eine der besten Defensiven der Liga. Spieler wie Cedric Unger entwickelten sich zu festen Größen – Sinnbild für eine Mannschaft, die gewachsen ist. Die Handschrift von Viktor Iterman ist unverkennbar, weshalb der Verein noch im Dezember zur Freude jedes Einzelnen die Zusammenarbeit über die Saison hinaus verlängerte.
Dieses Fußballjahr war eine Reise. Nicht immer leicht, aber ehrlich. Geprägt von Rückschlägen, Höhepunkten und dem stetigen Zusammenwachsen – bis zum letzten Spiel, getragen von einer Mannschaft und einem Trainerteam, das diesen Weg gemeinsam gegangen ist und auch im Jahr 2026 weitergehen will.
Und die Antwort auf die Frage vom Anfang?
Ja – ein Fußballjahr kann zugleich schmerzen, begeistern und zusammenschweißen. Wenn man bereit ist, gemeinsam zu leiden, gemeinsam zu wachsen und als Einheit zusammenzustehen.





